Bei der universitären Ausbildung befürchtet der VFB zunehmende Qualitätsdefizite.
München - 19.07.2011
In Bayern fehlen schon heute Ärzte und Zahnärzte im ländlichen Bereich. Bei den Architekten und Ingenieuren zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Um diesen und anderen negativen Trends entgegen zu steuern, lud der Verband Freier Berufe in Bayern (VFB) die Vertreter der Landtagsfraktionen zum parlamentarischen Abend ein. Im Bayerischen Hof in München trafen die Selbstständigen in den Freien Be-rufen – dazu gehören u.a. Ärzte, Zahnärzte, Apotheker, Physiotherapeuten, Architekten, Ingenieure, Rechtsanwälte, Notare, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, die bildenden Künstler – auf die Vertreter der politischen Parteien im Landtag.
Wo der Schuh drückt, stellte VFB-Präsident Dr. Fritz Kempter den Gästen aus Politik und Repräsentanten aller Freien Berufe dar. Unter den Gästen: Martin Zeil, Staatsminister für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie, die ehemalige Sozialministerin Christa Stewens, sowie die Vertreter von CSU, FDP, Bündnis 90/Die Grünen und von den Freien Wählern. Dem VFB bereitet besonders die seit Jahren nicht angepasste und damit nicht leistungsgerechte Vergütung bei Ärzten, Zahnärzten, Architekten und Ingenieuren Sorge. Bei der universitären Ausbildung befürchtet der VFB zunehmende Qualitätsdefizite. Die Schwachstellen des Bologna-Prozesses – also die „Verschulung“ des Studiums, die mangelnde Akzeptanz des Bachelor als erstem berufsqualifizierenden Abschluss und die steigende Zahl von Studienabbrechern – bedürften der Korrektur.
Im Brennpunkt der Diskussion standen die beiden Themen „Ausbildung“ und „Gesundheit“. Thomas Kreuzer, Staatssekretär im Staatsministerium für Unterricht und Kultus, stellte als Vertreter der CSU-Fraktion klar, dass die Bachelor-Master-Ausbildung kein Wunschkind der Bayerischen Staatsregierung gewesen sei. „Wir müssen höllisch aufpassen, dass wir unser hohes Ausbildungsniveau an den Fachhochschulen und Hochschulen halten können!“.
Auch Margarete Bause, Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, sieht Bedarf für ein Gegensteuern. Die Verschulung nehme ständig zu. „Ein selbständiges Studium ist das nicht mehr!“. Um im internationalen Wettbewerb nicht hinterher zu hinken, fordern die Vertreter der technischen und naturwissenschaftlichen Berufe von der Politik, im schulischen Bereich Maßnahmen gegen die offenkundige Technikfeindlichkeit auf den Weg zu bringen. Bereits heute sei in Deutschland in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) ein massiver Nachwuchsmangel zu verzeichnen.
Die Einführung des achtjährigen Gymnasiums (G8) habe daran nichts geändert. Staatssekretär Kreuzer stellte fest, dass es sich hierbei um ein gesellschaftliches Problem einer ganzen Generation handele. „Es ist für die Bildungseinrichtung nicht einfach, das auszugleichen.“ Abhilfe könnten die Schul-Labore bringen, die das Fachinteresse außerschulisch fördern sollen. Derzeit gibt es etwa 30 Schülerlabore in Bayern. Dort mangelt es allerdings an finanzieller Unterstüt-zung. Deshalb richteten die Repräsentanten der technischen und naturwissenschaftlichen Berufe einen Appell an den Freistaat, die Schullabore künftig noch stärker zu unterstützen.
Kritisch sehen die Freien Berufe die Entwicklung im Gesundheitsbereich. Der Ärzte-mangel in strukturschwächeren, ländlichen Regionen ist bereits heute Tatsache und wird sich laut VFB in den kommenden Jahren noch verstärken. Schuld daran ist nach Meinung von VFB-Verbandspräsident Dr. Fritz Kempter das realitätsfremde Handeln der Politik. Die Schere zwischen der wirtschaftlichen Entwicklung und der hoffnungslos veralteten Gebührenordnungen für Ärzte und Zahnärzte gehe immer weiter auseinander. Die Vertreter der Heilberufe fürchten als Folge das Abwandern von gut und teuer ausgebildeten Ärzten und Zahnärzten.
Die Abschaffung der Budgetierung im zahnärztlichen Bereich, die Existenz bedrohende Auswirkung des neuen Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes (AMNOG) auf die Apotheker waren weitere Themen der Diskussion. „Wir müssen genau hinschauen, wofür die Kassen die Gelder im Gesundheitswesen einsammeln und ausgeben“, sagte MdL Theresa Schopper (Bündnis 90/die Grünen). Auch bei den Pflegeberufen stehen die Zeichen in Bayern auf Veränderung. Hier wird im bayerischen Gesundheitsministerium über die Einrichtung einer Pflegekammer nachgedacht. Dr. Otto Bertermann, Gesundheitsexperte der FDP-Landtagsfraktion, stellt sich gegen das Vorhaben: „Wir von der FDP lehnen eine Pflegekammer für die Pflegeberufe ab!“ Die „Verkammerung“ sei nicht der richtige Weg. Die FDP könne sich vielmehr eine Akademisierung eines Teils der Pflegeberufe vorstellen.
Warum die Politik der Einladung zum parlamentarischen Abend folgt, liegt auf der Hand: Im Freistaat gibt es 179.000 Selbstständige in den Freien Berufen, die wiederum 436.000 Arbeitsplätze und in diesem Jahr 35.000 Ausbildungsplätze bieten. Die Freien Berufe in Bayern schaffen ein Bruttosozialprodukt von 10,1 Prozent.
Quelle: Verband Freier Berufe in Bayern (VBI)
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