Rückblick auf gemeinsame Tagung von Kammer und Akademie für Politische Bildung Tutzing
München / Tutzing - 30.03.2015

Stadt
ist auch eine Lebensform. Auf engem Raum entfalten und überlagern sich
unterschiedliche Lebenskonzepte. Daraus ergeben sich Herausforderungen für Stadtplaner, Ingenieure, Architekten, politische Entscheidungsträger und die Bürger vor Ort
– so etwa bei der Planung, Umsetzung und Anordnung von Gebäuden, der
Gewährleistung einer geeigneten Infrastruktur und eines sozialen
Miteinanders sowie hinsichtlich ökologischer Erfordernisse. Diese Fragen wurden am 27. und 28. März bei der gemeinsamen Tagung mit der Akademie für Politische Bildung mit Politik, Forschung und Stadtplanung diskutiert. Prof. Dr. Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung Tutzing und Dr.-Ing. Heinrich Schroeter, Präsident der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau, moderierten die Tagung.
Hochmobile WissensgesellschaftProf. Dr. Annette Spellerberg (Technische Universität Kaiserslautern) stellte ein Projekt vor, in dem ältere Bürger eines Ortes eine Art Tablet erhielten, über das sie kommunizieren konnten. Durch diese Kommunikationsplattform entstand mehr Nachbarschaftshilfe, es wurden Ausflüge organisiert und ganze Projekte realisiert.
Steffen Braun (Fraunhofer IAO) ist überzeugt, dass wir uns auf vielen verschiedenen Handlungsfeldern (ökonomisch, wirtschaftlich, sozial, etc.) in einem Transformationsprozess befinden. So entsteht beispielsweise durch die Digitalisierung eine gänzlich neue Wirtschaftsbranche.
Genauso kann eine einzige Erfindung wie die erste U-Bahn 1863 in London die Struktur und Mobilität einer ganzen Stadt verändern. Für die Städteplaner sei vor allem die Digitalisierung der Stadt eine Herausforderung: wo und in welcher Form ist digitale Technik im realen Raum sinnvoll? Braun stellt bereits entwickelte Zukunftstechnologien wie Dachfarmen und recycelte Häuser vor und erklärt: "Technik kann uns auch wieder menschlicher machen."
"Eine Stadt ist ein Organismus", sagt Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher aus Wien. Man müsse Städte anders begreifen lernen und soziokulturelle Aspekte mehr beachten. Kooperative, integrative Lebensgemeinschaften seien ein Lebenskonzept, das in Deutschland noch kaum bekannt ist. Horx zeigte kreative Wege innovativer Städteplaner auf, wie die gänzliche Begrünung der Stadt Singapur oder die Bewegung des 'New Urbanism'. Mit kreativen Ideen und Selbstorganisation der Bürger, dem Mut der Politik und dem Wissen der Ingenieure kann in der Stadt der Zukunft viel bewegt und gestaltet werden.
Ein wichtiges Thema der Stadt der Zukunft ist die Mobilität. Dr. Weert Canzler (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung) stellt als zukünftige Lösung das Konzept der Intermodalen Mobilitätsleistungen vor: Einen Reiseweg, der verschiedene, möglichst umweltschonende Verkehrsmittel optimal miteinander verbindet.
Das Prinzip lautet hier vor allem: Nutzen statt besitzen, wie beispielsweise beim car-sharing.
In zwei Workshops diskutieren die Teilnehmer anschließend intensiv mit fachkundigen Referenten: Im Workshop zu Städtischem ÖPNV und Individualverkehr in der Zukunft plädierte Prof. Dr.-Ing. Gebhard Wulfhorst (Technische Universität München, im Foto links) für eine intensivere Nutzung der vorhandenen technischen Möglichkeiten. Dr. Carl-Friedrich Eckhardt (BMW Group, im Foto rechts) versicherte, die Technik zu alternativen Verkehrskonzepten sei bereits vorhanden, lediglich die Umsetzung verzögere sich durch die Politik. Beim zweiten Workshop ging es darum, wie Planen und Bauen in der Stadt der Zukunft aussehen könnte und sollte.
Prof. Dr.-Ing. habil. Norbert Gebbeken (Universität der Bundeswehr München, im Foto rechts) ist der Überzeugung, dass sich der Planungshorizont der Stadtplanung auf 50 bis 100 Jahre erstrecken müsse.
Eine andere Herausforderung für Stadtplanung sei es, die Urbanität einer Stadt zu wahren, so Prof. Dr. Annette Spellerberg (im Foto Mitte).
„Das alles aber bitte ohne große Veränderung meines unmittelbaren Umfelds“ - so pointiert Florian Pronold (Parlamentarischer Staatssekretär Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, im Foto unten rechts) in der Podiumsdiskussion die vorherrschende Meinung der Bürger. Was aber höhere Akzeptanz beim Bau von Stromtrassen und Windrädern schaffe, sei die Beteiligung der Bürger. Prozesse, die Bürger mehr in planerische Entscheidungen einbinden, seien schwierig, müssten aber verändert und zukünftig mehr genutzt werden. Dem widerspricht Prof. Dr. Johann-Dietrich Wörner (Vorstandsvorsitzender DLR, im Foto 2.von rechts) insofern, dass Beteiligung lediglich Identifikation mit dem Projekt schaffe; Akzeptanz sei aber gelegentlich auch die Entscheidung anderer Leute anzunehmen. Trotzdem sei Bürgerbeteiligung enorm wichtig und wünschenswert. Dem stimmt auch der dritte Podiumsgast, Siegfried Dengler (Leiter Stadtplanungsamt Nürnberg, im Foto links), zu. Einig war man sich in einem: Die Zukunft beginnt heute.


(Text: Beryll Kunert , Fotos: Akademie für Politische Bildung Tutzing und Bayerische Ingenieurekammer-Bau)
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