Intransparent für Bauingenieure, teuer für Bauherren: Bayerische Bauingenieure kritisieren geltende Normen

Intransparent, fehleranfällig, überzogen, teuer, unnötig kompliziert und zeitaufwändig: Die Bayerische Ingenieurekammer-Bau hat mehrere geltende Normen, die bei der Planung von Gebäuden beachtet werden müssen, mit ihren Vorgänger-Normen verglichen und kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis:

 

02.11.2009  -  Mittenwald/München

 „Die neue Normengeneration mir ihren Bemessungsregeln ist zwar in vielen Bereichen deutlich detaillierter geworden, die so erzeugte fragwürdige Genauigkeit erscheint allerdings den Aufgabenstellungen der alltäglichen Tragwerksplanung unangemessen“, so Kammerpräsident Dr.-Ing. Heinrich Schroeter beim Mittenwalder Baunormentag. Mit den Nachteilen und Ungereimtheiten der Schneelastnorm (DIN 1055-5), Windlastnorm (DIN 1055-4) und Holzbaunorm (DIN 1052) haben nicht nur Bauingenieure zu kämpfen. Für Bauherren wie zum Beispiel Kommunen sind sie mitunter mit höheren Kosten verbunden. Die Bayerische Ingenieurekammer-Bau fordert deshalb eine Überarbeitung der Normenwerke.

Seit Mai 2007 befasst sich ein eigener Arbeitskreis der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau mit den für Bauingenieure relevanten Normenwerken. Der Gruppe um den Vorsitzenden Prof. Dr.-Ing. habil. Karl G. Schütz gehören erfahrene Ingenieure an, die das geltende Normenwerk genau unter die Lupe nehmen und Erfahrungsberichte auswerten. In 2244 Metern Höhe, in der Mittenwalder Bergstation der Karwendelbahn, neben dem spektakulären „Fernrohr 2244“ des Naturerlebniszentrums Karwendel, stellten die Fachleute nun die Ergebnisse ihrer Arbeit vor. Die neuen Baunormen sind oft ein Buch mit sieben Siegeln: Alle Referenten des Tages beschrieben die neuen Normen, die Folge der europaweiten Harmonisierungsbestrebungen sind,  als viel zu kompliziert. „Oftmals fehlt ein praktisch orientiertes, leicht handhabbares Berechnungskonzept, obwohl dies in vielen Fällen möglich wäre“, sagte Schütz.

Kontrolle der Ergebnisse mitunter unmöglich

Laut Dr.-Ing Robert Hertle besteht die Gefahr, dass die neuen Normen von den Anwendern nicht mehr Ernst genommen werden: „Früher gab es für die gleiche Aufgabenstellung für die man heute 16 Gleichungen und 5 Diagramme auswerten muss, eine Gleichung und kein Diagramm.“ Die überwiegend abstrakte und wenig anschauliche Formulierung von Berechnungsmethoden führe in einigen Normen dazu, dass die Kontrolle der Ergebnisse schwierig, mitunter sogar unmöglich sei. „Der Anwender kann keine Zusammenhänge mehr sehen“, so Hertle, der seine Kritik auf die Windlastnorm konzentrierte.

Prof. Dr.-Ing. Rupert Kneidl und Dipl.-Ing Univ. Markus Bernhard nahmen in ihren Referaten die aktuelle Holzlastnorm ins Visier. Auch sie kritisierten die nach ihrer Ansicht viel zu komplizierten Berechnungsvorgaben. Die neue Norm gebe Rechenwerte vor, die zu einer deutlich geringeren Tragfähigkeit von Bauteilen und Verbindungsmitteln führten. Das bedeutet, dass neue Gebäude wesentlich aufwändiger gebaut werden müssten. Doch warum das Ganze? „Die alten Rechenwerte waren vollkommen ausreichend“, sagte Kneidl. Er habe sich extra im Kollegenkreis umgehört, ob bei Bauwerken, die nach den alten Normen erbaut wurden, derartige Mängel bestünden, so dass Gefahr für Leib und Leben bestehe und ein Gegensteuern dringend notwendig sei.

Bezüglich der neuen Bemessungsregeln für Schnee- und Windlasten sowie für den Holzbau, die ab dem Jahr 2010 im sogenannten Eurocode europaweit verbindlich sein sollen, bestehe dringender Handlungsbedarf, gibt auch Dipl.-Ing.(FH) Wolfgang Schwind zu Bedenken. „Klare Vorgaben können Sicherheit geben, sie schränken aber auch ein oder sind mit deutlich höheren Kosten für den Bauherrn verbunden.“

Kostenanstieg von bis zu 20 Prozent

„Warum wurden die Schneelasten nach DIN 1055-5 mancherorts gravierend erhöht, obwohl dies nachweislich auf der Grundlage von Wetterdaten widerlegt werden kann“, wundert sich nicht nur Schwind. Er nennt ein Beispiel, das die Schneelastnorm betrifft: Für das sanierungsbedürftige Dach der Grund- und Hauptschule Mittenwald wurde von ihm ein Gutachten erstellt. Kommen die Regeln der neuen Normen zum Tragen, müsste das Dach für eine Schneelast von 480 Kilogramm pro Quadratmeter konstruiert werden. Bisher galten 320 Kilo pro Quadratmeter als Vorgabe, die jetzt durch das Gutachten bestätigt wurden. Diese 150 Kilogramm Unterschied bekomme auch der Bauherr zu spüren: „Denn wenn stärkere Schneelasten zu Grunde gelegt werden, müssen Dachkonstruktionen und Mauerwerk deutlich stabiler sein.“ Dadurch würden Material- und Zeitaufwand steigen, was laut Schwind einen Kostenanstieg von bis zu 20 Prozent bedeuten kann.

Die hypothetischen 480 Kilo pro Quadratmeter Dach entsprechen laut Schwind einer Schneehöhe von etwa 2,4 Metern auf dem Boden. Dabei habe der höchste Wert, der jemals in Mittenwald gemessen wurde bei 1,52 Meter im Jahr 1954 gelegen. Die neue Schneelastnorm sei auch für Kommunen ein Problem: „Die höheren rechnerischen Schneelasten führen zwangsläufig zu größeren erforderlichen Querschnittsabmessungen. Dieser Umstand macht nicht nur die Neubauten unwirtschaftlicher, sondern wift auch die Frage nach der Beurteilung von Bestandsbauwerken oder der Notwendigkeit von Verstärkungsmaßnahmen bei Umbauten auf.“ Hier seien die Auswirkungen besonders gravierend.

Sonderdruck mit kritischen Anmerkungen veröffentlicht

Die Tatsache, dass sämtliche in der Vergangenheit geplanten Tragwerke mit einem angeblich vollkommen überholten Bemessungskonzept mit teilweise zu geringen Lasten berechnet wurden, werde noch jahrelang zur Verwirrungen führen, so das Fazit, der Expertenrunde. In der Praxis sei die Tendenz zur Beauftragung von separaten Gutachten zu erkennen, um zum Beispiel bei Bestandsbauwerken auf realistischere Lastannahmen zurückgreifen zu können. Weil die bauaufsichtlichen Anforderungen, klimatischen Verhältnisse und Bauweisen in den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten sehr unterschiedlich seien, müsse die Normung der Bauausführung den einzelnen Mitgliedsstaaten vorbehalten sein.

Der Arbeitskreis Normung der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau hat einen Sonderdruck mit dem Titel „Kritische Anmerkungen zur Anwendung der neuen DIN 1052 sowie der neuen DIN 1055-4 und DIN 1055-5“ (ISSN 0932-8351) veröffentlicht. Das Heft ist im Verlag Ernst & Sohn erschienen und kann über die Bayerische Ingenieurekammer-Bau bestellt werden.

Fotos vom Mittenwalder Baunormentag
Sonderdruck zum Runterladen

 

 

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