Die Leistungen von Bauingenieuren für die Gesellschaft sind zwar unbestritten, in der Öffentlichkeit werden wie aber kaum wahrgenommen.
03.05.2010 - München/Nürnberg
Ob Autobahnbrücke, Einkaufscenter oder Fußballstadion – was Bauingenieure planen und konstruieren, nutzt allen und ist von Dauer. Ihre Leistungen für die Gesellschaft sind zwar unbestritten, in der Öffentlichkeit werden sie aber kaum wahrgenommen. „Die meisten Menschen, die ein Haus betreten, eine Treppe, einen Aufzug, oder durch einen Tunnel oder auf einer Straße fahren, machen sich keine Gedanken darüber, welche Ingenieurbaukunst dahinter steckt“, sagt Dr.-Ing. Heinrich Schroeter, Präsident der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau in München: „Unsere Gesellschaft geht von selbstverständlicher Qualität und Sicherheitsstandards aus.“ Eine Ausstellung in der Obersten Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Innern macht nun auf die oft im Verborgenen liegenden Leistungen der Bauingenieure aufmerksam. Unter dem Titel „Bauingenieurkunst – Made in Germany“ bietet sie bis zum 20. Mai 2010 faszinierende Einblicke in das konstruktive Innenleben international bekannter Bauwerke.
Bauingenieure kennen diese Situation gut: Bei der Einweihung oder Eröffnung eines Bauprojektes beglückwünscht und dankt der Bürgermeister dem Bauherren, der ausführenden Baufirma und dem Architekten. Der beteiligte Bauingenieur wird nicht genannt und steht betreten in der Menge. Auch die Medien berichten vergleichsweise selten über die Arbeit der Bauingenieure. Im Zusammenhang mit der Statik eines Bauwerkes sagt Schroeter: „Das liegt vielleicht auch daran, dass Zahlen und Formeln wenig sexy sind und sich auf den ersten Blick nicht gerade für einen Radiobeitrag eignen.“ Die Materie sei oft durchaus kompliziert. Ministerialdirektor Dipl.-Ing. Josef Poxleitner, Leiter der Obersten Baubehörde, räumt aber auch ein: „Dem typischen Bauingenieur fehlt mitunter auch ein wenig die Neigung, sich mit den eigenen Leistungen öffentlich zu präsentieren.“
Zu Unrecht, findet Universitätsprofessor Dr.-Ing. Norbert Gebbeken, denn: „Alles was gebaut wird, haben Bauingenieure mit geplant.“ Die Bandbreite der von Ingenieuren errichteten Bauwerke reicht vom Kraftwerk bis zur Sport-Arena, vom Tunnel bis zur Formel-1-Rennstrecke, von der Kläranlage bis zum Stausee, von der Achterbahn bis zur Zugbrücke. Bekannte Bauten wie das Hans Otto Theater in Potsdam, das Universum Science Center in Bremen, die Reichstagskuppel in Berlin, die Allianz Arena in München oder die Rügenbrücke in Stralsund wären ohne die kreativen Ideen von Bauingenieuren nicht möglich gewesen. Mit intelligenten Ingenieurbauwerken leisten Bauingenieure einen wesentlichen Beitrag zur nationalen und internationalen Baukultur. „Gelungene Ingenieurbauwerke geben Städten und Landschaften ihr unverwechselbares Gesicht. Sie sind identitätsstiftend“, sagt Dipl.-Ing. Univ. Helmut Schütz, Präsident der Autobahndirektion Nordbayern in Nürnberg.
Möglicherweise hängt das Schattendasein, das Bauingenieure in der Öffentlichkeit führen, auch mit der ungeheuren Vielseitigkeit des Berufes zusammen. Ähnlich wie bei Medizinern, die einen Chirurgen, einen Anästhesisten oder einen Orthopäden kennen, zählen zu den Bauingenieuren unter anderem Tragwerksplaner, Statiker, Konstruktionsingenieure, Wasserbauer, Verkehrsplaner, Baustoffspezialisten und Vermessungsingenieure (Geodäten). Salopp ausgedrückt reißen Geotechniker Löcher in der Erde, verrichten allerlei Tätigkeiten und anschließend verschwindet das Ganze unter einem – wie die Öffentlichkeit meint – Architekten-Bauwerk. „Keiner bleibt staunend vor einer Gründungskonstruktion, umgangssprachlich auch Fundament genannt, stehen – weil man es nicht mehr sieht“, klagt ein Geotechniker. Ihn graust es, wenn im Fernsehen, wie kürzlich geschehen, in einem Krimi der Tatverdächtige als „Tunnel-Architekt“ vorgesellt wird.
Öffentliches Interesse vor allem bei Unglücksfällen
Das Dilemma und Problem der Ingenieurbaukunst ist, dass sie immer erst bei Katastrophenfällen ins Licht der Öffentlichkeit rückt, wie etwa beim Einsturz der Eissporthalle in Bad Reichenhall oder des Kölner Stadtarchivs. Diese Fälle zeigen aber auch, was für eine hohe Verantwortung Bauingenieure tragen und verdeutlichen die Risiken, die sie eingehen, wenn sie sich auf Kompromisse einlassen, etwa bei Funktion und Kosten. „Die gute Gestaltung eines Bauwerkes und die Sicherheit der Konstruktion sind wichtige Aufgaben und Ziele. Darin erschöpft sich aber die Arbeit der Planer nicht“, so Dipl.-Ing. Victor Schmitt, der mit seinem Unternehmen SFF Ingenieure neben der Ausführungsplanung Objekt und Tragwerk und der Tragwerksplanung auch für die rund 100 Meter lange Triasbrücke verantwortlich war, die die BMW Welt mit dem BMW Museum verbindet.
Ein modernes Gebäude sei wie ein Organismus und enthalte eine Vielzahl von technischen Systemen und Netzen vergleichbar mit Organen, Adern und Nervensträngen eines Lebewesens. Die Anlagen sind die Organe des Baukörpers. Dazu sind die entsprechenden Netze zu planen: „Wassernetze für sanitäre Anlagen und Löscheinrichtungen, Sprinklernetze zur automatischen Bekämpfung von Bränden, Kalt-und Warmwassernetze für Kühlung und Heizung, Luftverteilungsnetze für die Versorgung mit frischer Luft “, so Schmitt.
Auch wirtschaftlich spielen Bauingenieure eine große Rolle für die Gesellschaft: Nach Angaben des Verbandes der Beratenden Ingenieure (VBI) setzen die rund 58.000 Ingenieurunternehmen in Deutschland pro Jahr etwa 29,6 Milliarden Euro um und sichern 280.000 hochqualifizierte Arbeitsplätze.
Die Bedeutung von Bauingenieuren kann gar nicht überschätzt werden: Sie schaffen Kultur- und langfristige Vermögenswerte. „Ich habe keine Scheu, Ingenieurplanung als Kunst zu bezeichnen, da sie ein kreativer Prozess ist“, sagt Dr.-Ing. Heinrich Schroeter. Deshalb sollte es auch Normalität sein, die Ingenieurbaukunst dem Begriff Architektur als Pendant zur Seite zu stellen.
Auf die Bedeutung und Leistungen der Bauingenieure macht nun die Ausstellung „Ingenieurbaukunst – Made in Germany“ mit leicht verständlichen Texten aufmerksam. Alle wesentlichen Informationen der Ausstellungstafeln werden in Deutsch und Englisch präsentiert. Die Ausstellung im Foyer der Obersten Baubehörde (Franz-Josef-Strauß-Ring 4, München) ist bis zum 20. Mai von Montag bis Freitag von 8.00 Uhr bis 18.00 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei.
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