Lieferengpässe bei Bewehrungsstahl mit kleinem Durchmesser

Bei Bewehrungsstahl mit kleinen Durchmessern gibt es offenbar regional Lieferengpässe. Davon betroffen sind Bewehrungsstähle mit Durchmessern von sechs und acht Millimetern, vereinzelt auch zehn Millimetern. Mehrere Bauingenieure hatten sich an die Bayerische Ingenieurekammer-Bau gewandt und über entsprechende Probleme berichtet. Eine Recherche der Kammer hat nun diese Beobachtung bestätigt und Informationen über die Ursachen geliefert.

 

08.06.2010  -  München/Nürnberg

Von Dr.-Ing. Heinrich Schroeter

Laut den Hinweisgebern werden die erwähnten Durchmesser in einigen Unternehmen nicht mehr gewalzt. Zwar gebe es Restbestände, allerdings sei in absehbarer Zeit mit einem Problem zu rechnen. Gerade bei filigranen Bauteilen, wie zum Beispiel Fertigteilen von Fassaden, aber auch bei Ortbetonbauteilen mit hohen gestalterischen Ansprüchen könne auf diese kleinen Durchmesser nicht verzichtet werden.

Unsere Recherchen ergaben nun folgendes Bild: Offenbar handelt es sich um ein Problem bestimmter Verlegebetriebe. Es entstand der Verdacht, dass Unternehmen mit Monopolstellung in ihren Regionen kein Interesse an der Produktion oder Lieferung der genannten Durchmesser haben. Eine Anfrage der Bayerischen Ingeneiurekammer-Bau beantwortete Dr.-Ing. Jörg Moersch, der Geschäftsführende Vorstandsvorsitzende des Instituts für Stahlbetonbewehrung e.V. mit Sitz in Düsseldorf wie folgt:

Betonstähle in Stäben mit den Durchmessern 6,0 mm und 8,0 mm werden nach wie vor von den Herstellern produziert und an den Stahlhandel ausgeliefert. Dabei ist es allerdings in der Tat so, dass die Mengen stetig abnehmen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass vorzugsweise in Biegebetrieben aber auch in Fertigteilwerken zur Fertigung von Bügeln oder anderen filigraneren Biegeformen eher Betonstahl vom Ring zur Minimierung des Verschnittes verwendet wird.

Der rein lagerführende Handel wiederum hat je nach Einzugsgebiet nur eine relativ eingeschränkte Nachfrage nach diesen „dünnen" Betonstabstählen durch die Verlegebetriebe bzw. Bauunternehmen
und darüber hinaus auch bei der Lagerung höhere Kosten. Diese ergeben sich aus dem Dimensionsaufpreis der Hersteller aufgrund des erhöhten Werkzeugverschleißes bei der Produktion einerseits und aus der gegenüber größeren Abmessungen eher ineffizienten Lagerung, da die Tonne Betonstahl pro Quadratmeter mit den kleineren Abmessungen entsprechend abnimmt.
Die Verlegebetriebe bzw. Bauunternehmen ihrerseits verspüren bei den derzeit gezahlten Stundensätzen in €/Tonne verlegten Betonstahl nur eine geringe Neigung, Bauteile mit den „dünnen" Abmessungen aufwändig zu bewehren.

Da üblicherweise heutzutage in der Angebotsphase auch keine Kostenkalkulation auf der Basis von Bewehrungsplänen mehr durchgeführt wird und darüber hinaus das Risiko des schwankenden Stahlpreises auch noch von den ausführenden Unternehmen i. d. R. mitzutragen ist, wird versucht, den mittleren Durchmesser im Bauteil zu erhöhen um letztlich doch noch halbwegs kostendeckend zu arbeiten.“

Ursache für den Lieferengpass sind also die höheren Kosten, die bei Produktion, Lagerung und Verlegung von Bewehrungsstahl mit kleinen Durchmessern anfallen. Das wird auch durch die Tabelle (siehe Bildmaterial) deutlich: Das Verlegen von Ø 8 mm-Bewehrungsstahl erfordert ungefähr die doppelte Zeit wie Ø 20 mm-Bewehrungsstahl. Allerdings muss bei dem Wert für 6 mm berücksichtigt werden, dass dieser kleine Durchmesser nur in Sonderfällen auf der Baustelle verwendet wird. Der sogenannte Hasendraht gehört ins Fertigteilwerk, nicht auf die Baustelle.

Eine Lösungsmöglichkeit für dieses Problem wäre, bereits bei der Ausschreibung Mengenangaben für die kleinen Durchmesser aufzunehmen. Dies kann zum Beispiel in einer gestaffelten Mengenangabe für Durchmessergruppen geschehen, zum Beispiel Ø6-8, Ø10-12, Ø14-20 und Ø25-28 Millimeter. Eine bessere, aber eher theoretische Möglichkeit, wäre die Aufnahme von Biegelisten in die Ausschreibung.

Dies erfordert allerdings eine ordentliche Planung, bei der die Leistungsphase 5 der Tragwerksplanung vor der Vergabe ausgeführt wird. Wir erleben es leider fast als Regel, dass auf Wunsch und Drängen des Bauherrn auf der Grundlage einer vorgezogenen Massenermittlung ausgeschrieben wird - mit allen unliebsamen Folgen für die Baukosten. Möglich ist auch die Vereinbarung von Stoffpreisgleitklauseln, wie dies teilweise bereits geschieht.

Den Verlegebetrieben und auch den Baufirmen ist zu empfehlen, für die kleinen Durchmesser statt Stabstahl besser Betonstahl vom Ring zu verwenden. Dadurch werden sowohl Lagerhaltung wie Verschnitt optimiert. Auf jeden Fall muss der deutlich höhere Aufwand bei Produktion, Lagerung und Verlegen kleiner Durchmesser unter 10 mm gerecht honoriert werden. Dann werden diese Durchmesser auch wieder zur Verfügung stehen.

 

 

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