Ethische Freiräume schaffen

26.03.2002     München

München (26.03.02) - Prof. Dipl.-Ing. Karl Kling, Präsident der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau schlägt Alarm: "Ich kann meine Ingenieurkollegen nur immer wieder auffordern, keine gesetzwidrigen Angebote abzugeben, die unterhalb der HOAI und damit nicht auskömmlich kalkuliert sind. Dieser Weg führt geradewegs in die Insolvenz. Auskömmliche Preise sind nicht nur für die Ingenieurunternehmen, sondern auch für den Staat von besonderem Gewicht. Die Sicherung von Bauqualität, der Erhalt von Arbeitsplätzen, die Abführung von Versicherungsbeiträgen und Steuern sind nur möglich, wenn das Kosten-Leistungs-Niveau stimmt."

Nach Erkenntnissen der Ingenieurekammer, sind private aber auch zunehmend öffentliche Auftraggeber zu einem riskanten Pokerspiel übergegangen. Sie ermuntern Unternehmen der Bauwirtschaft zur Teilnahme an einem ruinösen Preiswettlauf. So erhalten etwa mit illegalen Abschlägen versehene Angebote unterhalb der HOAI bei Planungsaufträgen immer öfter den Zuschlag. Sollen Ingenieure und Architekten doch sehen, wie sie das machen, scheint die Devise zu sein, wenn private und öffentliche Bauherren auf Vertragserfüllung pochen, wohlwissend, dass mehr geleistet, als bezahlt wird. 
Aber nicht nur im Verhältnis zu den Auftraggebern, auch untereinander macht sich die Bauwirtschaft mit Dumpingpreisen und unsauberem Wettbewerb das Leben schwer. Das Auseinanderdividieren der Unternehmen hat dazu geführt, dass sich das Preisniveau im Wohnungsbau für Roharbeiten - bezogen auf das Basisjahr 1995 - um 5,8 Prozent und im Straßenbau um 1,4 Prozent verringert hat. Diese Entwicklung ist in der Tat alarmierend, warnt Prof. Kling. 
Private Investoren aber auch die öffentliche Hand können sich wohl kaum damit herausreden, dass sie nur die Wettbewerbsstrukturen der Marktwirtschaft für sich nutzen, um Gelder zu sparen, wenn sie wissentlich an Unternehmen den Zuschlag erteilen, die mit der Projektabwicklung überfordert sind. Welche Geschäftsmoral steckt dahinter, nicht auskömmliche Preise von Anbietern zu akzeptieren und diese damit mittelfristig in Existenznöte zu bringen? 
Allen Überkapazitäten zum Trotz braucht die Bauwirtschaft mehr Freiraum für ethische Entscheidungen, fordert Prof. Kling. Obwohl Ingenieure um die für Baukosten und Bauzeiten nachteiligen Folgen der konsequenten Ausnutzung des Wettbewerbsprinzips wissen, stellten sie gezwungenermaßen ihre Fachkompetenz und ihre Verantwortung vielerorts in den Dienst einer falsch verstandenen ‚reinen Wirtschaftlichkeit'. 
Die Bayerische Ingenieurekammer-Bau hat es sich deshalb zum Ziel gesetzt, ihre Mitglieder davon zu überzeugen, dass uneingeschränktes Selbstinteresse, Mangel an Vertrauen und sozialer Integration nicht nur der Branche, sondern auch dem eigenen Unternehmen schadet. Prof. Kling: "Ich habe die Hoffnung, dass es in Zukunft auch gelingt, Ingenieure über die Interessen ihrer konkurrierenden Auftraggeber hinweg zu einer kollegialen Diskussion und zu einem Konsens über die technisch und wirtschaftlich optimale Lösung zusammenzuführen."

 

 

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